Ein praxisorientierter Beitrag von Christian Stalder und Christof Arn (2025) beschreibt, wie das Paradigma der Entwicklungsorientierten Bildung in der Berufspädagogik umgesetzt und weitergedacht werden kann. Im Zentrum steht die Idee, dass Lernen in der Berufsbildung nicht nur Wissenserwerb oder Kompetenzerweiterung bedeutet, sondern wesentlich auch die Entwicklung der Lernenden als ganze Personen umfasst.

«Entwicklung als Person meint die Entwicklung der Persönlichkeit. Persönlichkeitseigenschaften wie z.B. Offenheit, Tugenden wie z.B. Mut, Anlagen wie Empathie werden gestärkt, indem sie bewusst gemacht und durch ein darauf ausgerichtetes Setting gefördert werden.» (vgl. Arn & Stalder, 2025)

Berufliche Bildung wird auf diesen Fokus hin als kollaborativer Prozess verstanden, in dem Lehrende und Lernende gemeinsam an Entwicklung arbeiten. Der Ansatz verknüpft Entwicklungsorientierte Bildung mit Lernendenzentrierung (nach Carl Rogers) und transformativem Lernen. Ziele gelten nicht als fixe Endpunkte, sondern als Richtungen, die individuelle Lern- und Entwicklungsprozesse ermöglichen. Besonders im Care-Bereich (Pflege, Betreuung, Soziale Arbeit) wird Entwicklungsorientierung als zentrales Bildungsprinzip hervorgehoben, da dort Beziehungsgestaltung und Persönlichkeitsbildung die Qualität des beruflichen Handelns ganz unmittelbar beeinflussen.

Der Beitrag bietet (1) den Lesenden einen Zugang, um Entwicklungsorientierte Bildung in der eigenen Praxis stante pede umzusetzen. Er bietet (2) einen Einblick in ein Werkstattgespräch von Stalder & Arn und (3) ein FAQ zu Entwicklungsorientierter Bildung. Ein Praxisbeispiel (4) zeigt Entwicklungsorientierte Bildung im Berufsschulalltag im Care-Bereich ganz konkret auf und im letzten Teil wird (5) ein neues Modell von Berufsbildung auf Basis eines Studiengang-Prototyps der HfaB vorgestellt.

Zu den Merkmalen Entwicklungsorientierter Bildung in der Berufspädagogik und den zu bewältigenden Herausforderungen zählen u. a.:

  • stärkere Orientierung an Menschen statt an starren Kompetenzrastern,
  • psychologische Sicherheit in Lernumgebungen,
  • eine Kultur der Selbstreflexion („alle lernen“),
  • die Verbindung von fachlichem Können mit Tugenden/Charakterstärken sowie
  • das Verständnis von Überforderung als potenziell entwicklungsförderlich.

Video: Entwicklungsorientierte Bildung im Unterricht am Beispiel Fachpersonen Betreuung EFZ.

Statt ausschliesslich standardisierter Leistungsnachweise werden «Entwicklungsnachweise» vorgeschlagen, die dokumentieren, wie Lernende Fortschritte reflektieren und sichtbar machen. Ein exemplarisches Unterrichtssetting zeigt, wie Lernende ihr Handeln aus der eigenen Praxis heraus entwickeln, während Lehrpersonen – auch – als Coaches agieren.

Ein neues Modell für die Berufsbildung – ein Vorschlag

Darüber hinaus wird ein Modell eines entwicklungsorientierten Berufsschulcurriculums skizziert: mit selbstgesteuerten Lernprozessen, individueller Coaching-Begleitung, regelmässigen »Campustagen« und einem Steuerungsboard zur laufenden Curriculumsentwicklung. Damit wird die Verbindung von Wissen, Kompetenz und Persönlichkeit als integriertes Lernverständnis profiliert und Entwicklungsorientierte Bildung auf Berufsbildung übertragen.

«Insgesamt, und das ist neu, bezieht das vorgestellte Modell  alle relevanten Akteure der Berufsbildung selbstverständlich in das Grosse Ganze der Ausbildung mit ein.» (Stalder & Arn, 2025, S. 63)

Mit dem vorgestellten Modell rückt die Entwicklung der beruflichen Grundbildung wieder etwas näher an die Praxis und stärkt die etwas strapazierte Lernortkooperation.

Möchten Sie mit uns darüber diskutieren? Mattermostlink, Zugang: Mail an ch**********@**ab.ch

Der Beitrag Entwicklungsorientierte Bildung in der Berufspädagogik findet sich im Sammelband von Roth und Schniertshauer und ist 2025 bei Kohlhammer erschienen. Buch kaufen.

Praktische Ausbildung in High-Care-Bereichen

Stalder, C.; Arn, Ch. (2025): Entwicklungsorientierte Bildung in der Berufspädagogik. In: Roth, Georg Johannes; Schniertshauer, Martin (Hg.). Praktische Ausbildung in High-Care-Bereichen. Berufspädagogische Anleitung und situationsorientierte Lehre. Kohlhammer. S. 47-63.