Ein Beitrag von Konstanze Hohmuth

In meinem „ersten Leben“ war ich mit Leib und Seele Hebamme. Ein Beruf, der für mich erfüllt war von Beziehung, Interaktion und Miteinander. Die Frage danach, wie ich Beziehungen zu den Frauen und ihren Familien eingehe, wie ich wahrnehme und fühle, was jede einzelne Frau in der jeweiligen Situation braucht, wie ich mich in ihre Lage und ihren Gefühlszustand einfühle, wie ich wertschätzend und respektvoll sanft oder auch eher streng kommuniziere, war für mich zunächst keine Frage. Es war gar kein Thema. Ich habe es einfach gemacht. Und es hat anscheinend recht gut funktioniert. Unzählige Fotos, Dankeskarten und -briefe und aus der Arbeit entstandene Freundschaften erzählen noch heute von dieser prägenden Zeit.

Erst während meines Studiums zu Berufsschulpädagogin in den beruflichen Fachrichtungen Gesundheit/Pflege und Sozialpädagogik kam in meinem Kopf eben genau diese Frage auf: Warum konnte ich das offensichtlich? Woher wussten meine Kolleginnen und ich, was die von uns begleiteten Personen brauchten? Auf welcher Grundlage gestalten Hebammen Beziehungen? Darüber gesprochen haben wir in der Ausbildung damals wenig bis gar nicht. Entweder frau konnte es bereits, erwarb sich die Fähigkeiten im praktischen Tun oder aber war unzufrieden und unglücklich ob der Herausforderungen, die mit dieser Arbeit einhergingen.

Eine mögliche theoretische Perspektive bot mir damals der Betreuer meiner Masterarbeit, als er mich mit dem Konzept der Interaktionsarbeit (u.a. Böhle; Weihrich 2020) bekannt machte.

(Böhle; Weihrich 2020)

Genanntes Konzept bietet die Möglichkeit, die Besonderheiten der Arbeit mit Menschen systematisch zu berücksichtigen und sich den dafür notwendigen Perspektiven gezielt zuzuwenden. „Hier spielen insbesondere Aspekte wie subjektivierendes, erfahrungsgeleitetes Arbeitshandeln, Gefühlsarbeit und Emotionsarbeit und spezifische Merkmale, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Motive und Erfahrungen der Leistungserbringer in der Arbeit mit dem Klienten eine wesentliche Rolle.“ (Böhle, Glaser 2006, S. 14)

Das Konzept der Interaktionsarbeit eröffnete mir einen völlig neuen Blick auf Arbeit mit Menschen, welcher mich nachhaltig begeistern und inspirieren sollte.

Es erschien mir einerseits völlig logisch und eigentlich fast schon trivial, Arbeit, die auf Interaktionen beruht unter dieser Perspektive zu betrachten. Andererseits wurde mir bereits damals schon klar, dass dieser Blick in einer Gesellschaft, die Arbeit oft auf Grundlage eines simplen Verständnisses von Produktivität betrachtet, eher ungewöhnlich anmutet und sowohl im Rahmen der Ausbildung als auch gesellschaftlich und politisch vorerst wenig Anerkennung findet.

Hier hätte ich nach meiner Masterarbeit ansetzen können und der Hebammenausbildung bzw. dem Studium in diesem Zusammenhang möglicherweise eine neue Perspektive anbieten können. Doch es sollte anders kommen.

Nach abgeschlossenem Studium arbeitete ich zunächst zwei Jahre an zwei verschiedenen (Berufs) Fachschulen, sowohl in der Sozialpädagogik als auch in der Gesundheit und Pflege bevor mich mein Weg zurück in die hochschulische Lehrer:innenbildung an die Professur Sozialpädagogik einschließlich ihrer Didaktik führte.

Das Thema der Beziehungsarbeit, der Notwendigkeit gelingender Interaktionen und vor allem das Konzept der Interaktionsarbeit ließen mich seither nicht mehr los.

Aufgrund der herausragenden Relevanz gelingender Beziehungs- und Interaktionsgestaltung im pädagogischen Kontext stellte ich mir immer wieder die Frage: „Auf welcher Grundlage gestalten Lehrer:innen Beziehungen zu Schülern und Schülerinnen und vor allem inwiefern kann und sollte dies im Studium angebahnt werden?“ Auch die Diskussionen mit Studierenden über das Verhältnis von Theorie und Praxis in der hochschulischen Ausbildung, über Herausforderungen im Arbeitsfeld, über deren eigene Vorstellungen von Lehren und Lernen, über Rollenbilder und Haltungen und ebenso meine eigene pädagogisch-didaktische Arbeit, die Überlegungen hinsichtlich einer möglichen Vorbereitung angehender Lehrkräfte für ihre berufliche Tätigkeit in der beruflichen Fachrichtung Sozialpädagogik stärkten meine Perspektive und mein Interesse. So stellte sich mir zunehmend die Frage: „Was und vor allem wie müssen angehende Lehrkräfte lernen, was müssen sie im Studium erleben, um wiederum junge Menschen von deren eigenem Lernen, verstanden als persönliche Entwicklung (und nicht nur im Sinne von Hinzulernen neuer Inhalte) zu begeistern?“

Die Didaktik der Sozialpädagogik, der damit verbundene ressourcen- und beziehungsorientierte Blick auf Bildungsprozesse bietet diesbezüglich bereits viel Potential. In der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte wird der „Integralen Persönlichkeitsentwicklung“ (KMK 2011) bereits sowohl theoretisch als auch methodisch-didaktisch viel Augenmerk und Diskussionen geschenkt. Insbesondere das Prinzip des „Doppelten pädagogischen Bezugs“ soll an dieser Stelle hervorgehoben werden. In der Didaktik der Sozialpädagogik, wird dies verstanden als die Gestaltung von pädagogischen Prozessen seitens der Lehrkraft mit dem Ziel, Schüler:innen in die Lage zu versetzen, selbst pädagogische Prozesse gestalten zu können. Damit wird die Relevanz personaler Bildungsprozesse sowohl auf der Ebene der Lehrkräfte als auch der pädagogischen Fachkräfte deutlich gestärkt. Viele Studierende der Fachrichtung Sozialpädagogik meldeten mir in den letzten Jahren zurück, dass einige Seminare, die es nur für sie gibt, für jeden Lehramtsstudierenden von zentralem Interesse wären. Der Tenor war „Schule braucht generell mehr sozialpädagogische Perspektive.“

Ausgehend von der Annahme, dass die Arbeit an der Persönlichkeit zunächst elementar die Grundlage für professionelles pädagogisches Handeln schafft und professionelles pädagogisches Handeln sich im Kern wiederum vor allem durch Arbeit auf der Interaktionsebene auszeichnet, kommt diesen Perspektiven generell für die Lehrer:innenbildung eine zentrale Bedeutung zu.

Und so konzentrierte sich auch mein Fokus zunehmend auf Lehrer:innenbildung unabhängig von Fächern und Fachrichtung.

Um an dieser Stelle auch theoretisch ansetzen zu können, kommt nun wieder das Konzept der Interaktionsarbeit ins Spiel, welches sich meines Erachtens hervorragend eignet, um zentrale Aspekte von Lehrerhandeln konkret zu thematisieren.

(Böhle; Weihrich 2020)

Hier denke ich zum Beispiel an die Unplanbarkeit bzw. Ungewissheit pädagogischer Tätigkeit und in diesem Zusammenhang die Thematisierung der Unterscheidung von erfahrungsgeleitet-subjektivierendem Handeln, welches sich wesentlich von einem planmäßig-rationalem, objektivierendem Arbeitshandeln unterscheidet.

Ebenfalls kann mithilfe des Konzepts die Notwendigkeit der Herstellung eines kooperativen Arbeitsbündnisses und der häufig damit verbundene Umgang mit Antinomien konkrete Aufmerksamkeit erhalten.

Insbesondere die bewusste Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Emotionen, die sowohl Ausdruck als auch Bestandteil der professionalisierten Praxis von Lehrpersonen darstellen, erhält hiermit eine Aufwertung hinsichtlich der damit verbundenen Arbeit.

In diesem Zusammenhang ist es ebenfalls möglich, gezielt einen Fokus auf handlungsleitende, habitualisierte, oft implizit bleibende Orientierungen zu legen, die häufig (unbewusst) maßgeblich die pädagogische Praxis bzw. die Ausgestaltung des professionellen Handelns bestimmen.

Insofern, dass das Konzept der Interaktionsarbeit nicht nur kognitiv als Fachwissen in der universitären Ausbildungsphase thematisiert wird, sondern selbst „erlebt“, reflektiert und beobachtet werden kann, könnte (so die Vermutung) der vermeintlichen Theorie-Praxis-Dichotomie begegnet werden, theoretisches Wissen sinnhaft erscheinen und als tatsächlich handlungsentlastend erlebt werden.

Eine derart interaktionsorientierte Perspektive auf Lehrer:innenbildung, die ganz gezielt (sowohl inhaltlich als auch methodisch-didaktisch) auf personale Bildungs- und Entwicklungsprozesse abzielt, passt nicht zu einem Verständnis von Bildung als alleinige Wissens –oder Kompetenzvermittlung. Hier zeigen sich deutliche Anknüpfungspunkte bezüglich der Überlegungen hinsichtlich des Paradigmenwandels hin zu einer entwicklungsorientierten Gestaltung von Bildungsprozessen (vgl. Arn & Stalder 2024; Arn 2024).

Vor diesem Hintergrund wäre es möglich, Lehrer:innenbildung, Hochschullehre und sowohl die Rollen der Lehrer:innenbilder:innen als auch der Lernenden neu zu denken.  So wäre es den Ansätzen Arns (2024) folgend eventuell möglich, die Ausbildung an der Hochschule als echte Interaktion zu erleben und Lernen nicht ausschließlich als kumulativen Prozess des Hinzulernens, sondern vielmehr als Entwicklung zu verstehen (Arn & Stalder 2025).

Im Rahmen meiner Promotion möchte ich konkret darüber nachdenken, wie eine derartige Perspektive auf die Arbeit mit Menschen, hier speziell auf das Handeln von Lehrkräften, nimmt man sie denn wirklich ernst, die hochschulische Lehrer:innenbildung verändern könnte. Ich möchte mit Menschen reden, die konstruktiv, fundiert und leidenschaftlich über eine veränderte Bildungspraxis nachdenken. Und ich möchte gemeinsam mit Studierenden diesen Weg gehen. Ich bin gespannt, wohin er uns führt.


Quellen

Arn, Christof (2024): Agile Hochschuldidaktik. 4., überarbeitete Auflage. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Arn, Christof (2025): Immersion, Didaktisches Dreieck, Agilität – Modellierung für Lernendenzentriert – Entwicklungsorientiert-Agile Bildung. IMPACT FREE 64 (Juni 2025). https://gabi-reinmann.de/impact-free/

Arn, Christof; Stalder, Christian (2025). Was Entwicklungsorientierte Bildung ist. In: Lackner, H., Cai, J., Wang, Q. (eds) Jahrbuch Angewandte Hochschulbildung 2023. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-47041-8_14

Böhle, Fritz; Glaser, Jürgen (2006) (Hrsg.): Arbeit in der Interaktion – Interaktion als Arbeit. Arbeitsorganisation und Interaktionsarbeit in der Dienstleistung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Böhle Fritz; Weihrich Margit (2020): Das Konzept der Interaktionsarbeit. Z ArbWiss 74:9–22. https://doi.org/10.1007/s41449-020-00190-2

Kultusministerkonferenz (KMK) (2011): Kompetenzorientiertes Qualifikationsprofil für die

Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern an Fachschulen/Fachakademien. Beschluss der

Kultusministerkonferenz vom 01.12.2011